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Heft 5. 
2. 2. 1917]
Frank: Die Bedeutung d. physikal. Erkenntnistheorie Machs f.d. Geistesleben usw. 71

widerlegen. Sehr treffend sagt Nietzsche 1) über die Teilnahme einiger Philosophen an diesem Werke:
  "Der Philosoph gegen den Rivalen, z. B. die Wissenschaft: da wird er Skeptiker; da behält er sich eine Form der Erkenntnis vor, die er dem wissenschaftlichen Menschen abstreitet; da geht er mit dem Priester Hand in Hand, um nicht den Verdacht des Atheismus, Materialismus zu erregen; er betrachtet einen Angriff auf sich als einen Angriff auf die Moral, die Tugend, die Religion, die Ordnung,- er weiß seine Gegner als 'Verführer' und 'Unterminierer' in Verruf zu bringen; da geht er mit der Macht Hand in Hand."
  In Wirklichkeit wurde aber an der Aufklärung nur das widerlegt, was an ihr nicht Aufklärung war. Trotzdem hat durch das Gewicht der äußeren Umstände diese Herabsetzung der großen Leistungen des 18. Jahrhunderts großen Einfluß gewonnen. Es gibt vielleicht keinen unter uns, in dem nicht durch den Schulunterricht von Jugend auf ein Vorurteil gegen die Aufklärung steckt.
Ich gebe natürlich gerne zu, daß die großen Geister der Aufklärung, ein Voltaire, ein d'Alembert usw. von zahlreichen flachen Schriftstellern nachgeahmt wurden, die deren Kritik immer mehr verwässerten und bis zur unerträglichen Banalität breittraten, schließlich sogar nur mehr Mißbrauch mit den neuen Hilfsbegriffen trieben. Ich gebe auch gerne zu, daß diese Verflachung zum Wesen der Aufklärung gehört; wenn einmal der Mißbrauch der alten Hilfsbegriffe aufgedeckt ist, bleibt nicht mehr viel Originelles zu sagen übrig; die Versuchung zu öder Trivialität liegt sehr nahe, und die Zahl derer, die ihr zum Opfer fallen, ist groß. Alles das beweist natürlich gegen den Wert der Aufklärungsphilosophie selbst gar nichts.
  Wenn man sich einmal von der üblichen Verketzerung freigemacht hat, wird man sagen: die Aufgabe unseres Zeitalters ist es nicht, die Aufklärung des 18. Jahrhunderts zu bekämpfen, [[underline]]sondern ihr Werk fortzusetzen.[[/underline]] Seit dieser Zeit ist wieder so viel übertriebene Anwendung von in beschränktem Bereiche brauchbaren ganz neuen Hilfsbegriffen vorgefallen, daß es reichliche neue Arbeit gibt.
  Und dieser Arbeit hat sich Mach gewidmet. Er bejaht die Aufklärung des 18. Jahrhunderts begeistert; das bedeutet aber nicht, daß er die Hilfsbegriffe des 18. Jahrhunderts wie der Materialismus zu vergöttern beginnt, sondern in ihm lebte der Geist jener großen Männer, es trieb ihn dazu, so wie jene die Hilfsbegriffe ihrer Zeit bekämpft hatten, selbst gegen die mißbrauchten Hilfsbegriffe seiner Zeit Protest zu erheben, wobei sich ergab, daß darunter gerade viele Lieb-
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  1) Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Werke, Der Wille zur Macht, (Studien und Fragmente), Nr. 248 (aus Nietzsches Werken, Bd. XV, Leipzig, 1901).
 
lingsbegriffe der Aufklärung des 18. Jahrhunderts waren. 
  Das meine ich, wenn ich Mach den Vertreter der Aufklärungsphilosophie unseres Zeitalters nenne. Da seine Jugend noch in die Zeit des Materialismus fiel, ist es kein Wunder, daß so viele seiner Arbeiten der Bekämpfung der mechanistischen Physik und der Atomistik galten.
  Wenn man diese Stellung Machs als Aufklärungsphilosoph festhält, wird man viele Züge seiner Lehre und viele ihrer Wirkungen leichter verstehen. Vor allem ihren stark suggestiven Einfluß, man möchte sagen ihre Virulenz, die trotz mancher geringschätziger Urteile von Fachphilosophen sich Beachtung erzwingt. Study 1) nennt den Machschen Positivismus "eine noch völlig ungesättigte Existenz, eine Art von beutehungrigem philosophischen Raubtier." Wie bei den Philosophen der Aufklärung zeigt sich auch bei Mach, daß die Anhänger und Fortsetzer eine über das gewöhnliche Maß hinausgehende Tendenz zur Verflachung aufweisen. Auch auf Plancks Kriterium von den Früchten gibt uns diese Auffassung eine Antwort: die Früchte der Machschen Lehren sind nicht die Schriften seiner physikalischen und philosophischen Anhänger, sondern die durch ihn bewirkte Aufklärung der Geister, die ja auch Planck anerkennt. 
  Ich will mit alledem nicht etwa bestreiten, daß Mach auch noch in anderer Weise Bedeutung hat, aber seine Stellung im allgemeinen Geistesleben unserer Zeit scheint mir so am besten erfaßt werden zu können. 
  In dieser Auffassung bestärkt mich auch noch die ganz auffallende Übereinstimmung seiner Ansichten mit denen eines Denkers, für den er kaum große Sympathie gehabt haben dürfte, mit Friedrich Nietzsche. Auf diese Übereinstimmung hat wohl zuerst Kleinpeter 2) hingewiesen und je mehr man sich besonders in die nachgelassenen Schriften Nietzsches vertieft, desto deutlicher tritt einem die Übereinstimmung gerade in den [[underline]]erkenntnistheoretischen [[/underline]] Grundgedanken entgegen. Nun ist Nietzsche der andere große Aufklärungsphilosoph des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Harmonie seiner erkenntnistheoretischen Anschauungen mit denen Machs, der doch einen ganz anderen Bildungsgang durchgemacht hat, ein ganz anderes Temperament und ganz andere ethische Ideale  besaß, scheint mir ein gewisser Beleg dafür zu sein, daß solche Anschauungen sich den aufgeklärten Geistern jener Zeit aufgedrängt haben müssen.
  Der große Sprachmeister Nietzsche hat nun diese Ideen außerordentlich kräftig und eindrucksvoll formuliert, so wenn er sagt 3): "Ich sehe mit Erstaunen, daß die Wissenschaft sich heute resigniert, auf die scheinbare Welt
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  1) Study l. c. S. 24.
  2) H. Kleinpeter, Der Phänomenalismus, Leipzig, 1913.
  3) Nietzsche, l. c. Nr. 289.
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