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Aug. 9, 1962
H DIE WELT - Nr. 184 - Seite 9

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Marisol: "Mayflower" (Holz und anderes Material, 1961/62)
(Siehe untenstehenden Bericht) Foto: Rudolph Burckhardt
Wo wilde Avantgarde gefördert wird
Plastikhüte kombiniert mit Gipshänden - Ende der Kunstaison
Eigenbericht der WELT
New York, im August
In diesen Wochen waren zwei junge Frauen die ausgesprochenen Erfolge der zu Ende gehenden Sommersaison. Paris geborene Holzbildhauerin, deren Eltern aus Venezuela stammen, und Yayoi Kusama, eine Japerin, die seit einigen Jahren durch tapetenähnliche, viele Meter lange und wandhohe Gemälde auffällt, die in einer minuziösen Technik gemalt sind und deren dumkler Grund mit weißen, spitzenartigen Mastern überzogen ist. Yayoi Kusama stellte ihre gigantischen Bilder in der Stephen Radich Gallery aus, hat jedoch jetzt ihre künstlerische Erfindungsgabe auf das Anfertigen von Skulpturen ausgedehnt. Es sind Mobiliarobjekte, ein Sessel und eine Couch.
Man kann sie in der Green Gallery sehen, einer Kunstsätte, wo man wildeste Avantgarde fördert. Diese beiden höchst banalen Möbelstücke hat die Japenerin mit Überzügen versehen, die mit vielen Hunderten von weißen Stoffauswüchsen bedeckt sind - von bösartigen Kunstbetrachtern als "Würste" (Frankfurters) bezichnet. Jedenfalls beweist die kleine Yayoi Kusama, daß sie einen Sinn für Ironie besitzt. Sie versteht es mit einer Art weibicher Spielereibessessenheit, ein Teilchen immer wieder zu wiederholen, bis eine gradiose Einheit entsteht. 
Marisol gestaltet eine völlig neue Art von Holzfigurengruppen. Sie ist eine humorvolle, oft zynisch-satirische Kritikerin und Parodistin, ja, man könnte sagen, Karikaturistin von Zeit, Moral, Gewohnheiten und Geschehnissen. Sie persifliert Amerikanisches - visuelles Kabarett. In Ihrer ersten One Man Show in der Stable Gallery - es war die einzige wirkliche Sensation des beginnenden Sommers - tönte aus einem riesigen Holzpferd, das aus einem Faß geformt war, Marschmusik.
Marisol benutzt gefundene Objekte, Hutformen, Fässer, plastische Hüte, und kombiniert sie mit modellierten Gipshänden, Nasen, Armen und anderen Körperteilen, wobei sie den Gipsabdruk von ihrem eigenen Körper nimmt. Sie ist frech und scheut vor nichts zurück. Ihr Piéce-de-résistance "The Family Kennedy" gleicht der Präsidentenfamilie aufs Haar. Sie karikiert Papst John, auf einem Schaukelpferd sitzend, und erfand eine Art Skulpturschrank, aus dem geschnitzte Holzmasken mit künstlichen Tieraugen einen anstarren, und betitet diese ensorhähnlichen, langnasigen Masken "Mayflower".
"Sie persifierte mit großartigem Qitz und schärfster Beobachtungsgabe die "Madison Aveneu Dam", die ihren "Boyfriend" als kleinen Holzhund an der Leine führt. Sie vereinigt Einflüsse von Saul Steinberg, Louise Nevelson und dem Maler Larry Rivers, aber mit Raffinement zu eigenwilliger, persönlicher Leistung umgeformt. 
Als Saisonabschluß hat die Graham Gallery eine unter dem Titel "Multiples" laufende Gruppenshow arrangiert. Zwei oder mehrere Gemälde bilden eine Einheit. Es ist das Bild in Teilen, das Ensemble, wie man es von Altarbilderen, Triptychen, chinesischen Wandschirmen her kennt. Bei Graham zeigt der Maler Albert Kotin lyrische Landschafts-"Zwillinge", Alfred Jensen dynamische, mit dem Spachtel gemauerte, primatisch-mystische Abstraktionen. Jensens Bilder treten in Paaren auf, wobei die heiß-kalten Farben umgekehrt in einem sich wiederholenden Muster zweimal erscheinen, ähnlich einer Spielkarte.
Irving Kriesberg, von vielen Jahren bei Curt Valentin lanciert, versucht sich in "Multiple"-Darstellungen von konstruerten Stellegen, mit sich weiderholenden Mustern. In Italien arbeitet Brion Gysin mit seinen "permutativen" Bildern, die in der Galerie Trastevere in Rom ausgestellt sind, in ähnlicher Weise. Jedenfalls war die Graham Ausstellung ein Lichtblick in der Ebbe, die zurzeit in der New Yorker Kunstwelt herrscht. 
In dem kleinen, aber interessanten "Primitiven Museum" sind es Skulpturen aus dem Pazifik, vor allem polychrome Holzarbeiten mit detaillierten Filligranschnitzerien aus Neuguinea, die in vorbildlicher Ausstellungstechnik zu sehen sind. Die Sommerausstellung im Whitney Museum is 40 Künstler als eine wichtige Klassifizierung behandelt und als Reklamemittel.
Obwohl eine Sommermüdigkeit in der Luft liegt, raunt und munkeit es in der Bars und Cafés, daß viele große Käufe nach dem Börsenkrach rückgängig gemacht wurden daß eine bekannte, große Galerie mit einem Stall berühmter "Abstrakter" im Herbst schließen wird und daß in den großen Farbengeschäften, wo die Prominenten ihre Farben und Leinwand beziehen, zwar immer noch en masse gekauft wird, daß jedoch die Künstler nicht mehr prompt zahlen.
Als allerneueste "Kunstrevolte" hört man von einem jungen Maler, der das Museum of Modern Art, das Guggenheim und das Whitney Museum persönlich attackieren wird. Dieser junge Mann verschickt seit Monaten Publikationen, in denen er zu einer Revolte gegen die bestehende Korruption in der Kunst auffordert. Er betitelt seine Zettel "The Screw" (Die Schraube).
Nichtsdestoweniger gibt es immer mehr Mäzene, die viel für junge Künstler tun. Die Johnson Wax Company hat über 100 Gemälde angekauft, die sie als Wanderausstellung durch Amerika und Europa schickt, und der Schriftsteller James A. Michener, Autor des Buches "South Pacific" und mehrerer anderer Bestseller, wird ein privates Museum (Michener Foundation Pipersville Pennsylvania) in Allentown Pennsylvania, errichten. Er hat dafür fast die gesamte abstrakt-expressionistische Show des Guggenheim-Museums, die in diesem Frühjahr stattfand, erworben und von Hunderten von jungen Malern Bilder gekauft. Lil Picard

Aus dem Kulturleben
Führende Shriftsteller aus zwanzig Ländern werden vom 20. bis 25. August an einer internationalen Autorenkonferenz teilnehmen, die während der Edinburgher Festspiele stattfindet. Unter den Autoren, die bisher ihre Teilnahme zugesagt haben, sind u.a. Henry Miller und Norman Mailer (USA), Ilja Ehrenburg (Sowjetunion), Jean-Paul Sartre und Nathalie Sarraute (Frankreich), Aldous Huzley, Stephen Spender und Iris Murdoch (England).
Victoria de los Angeles, die augenblicklich in Bayreuth die Elisabeth im "Tannhäuser" singt, will im Herbst eine Reihe von Liederabenden in der Bundesrepublik geben. Die Sängerin hatte im Vorjahr ihre geplante Deutschland-Tournee aus gesundheitlichen Gründen absagen müssen.
Mit dem Professorentitel wurde von der nordrhein-westfälischen Landesregierung der in Chikago lebende Architekt Mies van der Rohe ausgezeichnet. 
Die 18. Hauptversammlung der deutschen UNESCO-Kommission wird am 5. und 6. September in Hamburg stattfinden. Auf der Tagesordnung stehen u. a. Berichte über die internationalen Konferenzen dieses Jahres und Erörterungen über die künftige Arbeit der deutschen Kommission.

Transcription Notes:
Make sure you review carefully, I found a place where someone had accidentally skipped a line in the last article.

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