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Erinnerungen, Hoffnungen usw. ähnlich den mit meinem Leibe zusammenhängenden, auch bei anderen Menschen anzunehmen.
Die Gesamtheit des für alle im Raume unmittelbar Vorhandenen mag als das Physische, dagegen das nur einem unmittelbar gegebene, bei allen anderen aber nur durch Analogie Erschließbare als das Psychische bezeichnet werden. Die Gesamtheit des nur einem Gegebenen nennt Mach dessen engeres Ich. Descartes stellt Materie und Geist, Ausdehnung und Denken einander gegenüber. In dieser Gegenüberstellung liegt die natürliche Begründung des Dualismus, der übrigens noch alle möglichen Übergänge vom bloßen Materialismus zum reinen Spiritualismus darstellen kann, je nach der Wertschätzung des Psychischen oder Physischen, nach der Auffassung des einen als des Fundamentalen, des anderen als des Ableitbaren.
Meine sämtlichen psychischen Befunde, sagt Mach, kann ich in derzeit nicht weiter zerlegbare Elemente auflösen: Farben, Töne, Düfte, Tastempfindungen, Drücke, Wärmen, Räume, Zeiten. Diese Elemente zeigen sich sowohl von außerhalb meines Leibes liegenden, als von innerhalb desselben liegenden Elementen abhängig. Insofern letzteres der Fall ist, nennen wir die Elemente Empfindungen. Da mir aber die Empfindungen meiner Nachbarn ebensowenig gegeben sind als ihnen die meiningen, so bin ich berechtigt, dieselben Elemente, welche ich in das Physische aufgelöst habe, auch als Elemente des Psychischen anzusehen. Das Physische und das Psychische enthält also gemeinsame Elemente; die beiden stehen also keineswegs in schroffem Gegensatze. Dies wird noch klarer, wenn sich zeigen läßt, daß Erinnerungen, Vorstellungen, Gefühle, Willen, Begriffe sich aus zurückgelassenen Spuren von Empfindungen aufbauen, mit letzteren also keineswegs unvergleichbar sind. Wenn ich nun die Gesamtheit meines Psychischen - die Empfindungen eingerechnet - mein Ich im weitesten Sinne nenne, so kann ich in diesem Sinne sagen, daß mein Ich die Welt als Empfindung und Vorstellung eingeschlossen enthalte. Diese Position, die sogenannte solipsistische Position, bringt die Welt als Selbständiges scheinbar zum Verschwinden, indem sie die Grenzen zwischen der Welt und dem Ich verwischt. Praktisch läßt sich aber dieser Solipsismus nicht festhalten. Professor X, welcher theoretisch Solipsist zu sein glaubt, ist es praktisch gewiß nicht, sobald er dem Minister für einen erhaltenen Orden dankt. Der geprügelte Pyrrhonist in Molières "Mariage forcé", der alles für Schein hält, sagt nicht mehr: "Il me semble, que vouz me battez", sondern nimmt die Schläge als wirklich genossen an.
Sobald wir die Elemente, wie rot, warm etc. betrachten, welche in ihrer Abhängigkeit von außerhalb unseres Leibes liegenden Befunden physische, in Abhängigkeit von innerhalb derselben gelegenen psychische Elemente, aber in beiderlei Sinne gewiß gegeben und identisch sind, so hat bei dieser einfachen Sachlage die Frage nach Schein und Wirklichkeit ihren Sinn verloren. Wir haben hier die Elemente der realen Welt und die Elemente des Ich zugleich vor uns. Was uns allein noch interessieren kann, ist ihre funktionale Abhängigkeit voneinander. - Wenn wir das (engere) Ich unbefangen betrachten, so zeigt sich dieses ebenfalls als ein funktionaler Zusammenhang der Elemente. Nur ist seine Form etwas anders geartet als im "physischen" Gebiete. Man denke nur an das verschiedene Verhalten der "Vorstellungen" gegenüber jenem der Elemente des psychischen Gebietes, an die assoziative Verknüpfung der letzteren. Ein unbekanntes und unerkennbares Etwas hinter diesem Getriebe haben wir nicht nötig. Ein fast noch Unerforschtes steht allerdings
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